8. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit
Baukasten oder Agentur: der ehrliche Entscheid
Für manche Firmen ist der Website-Baukasten die richtige Wahl - das sagen wir als Agentur. Wo die Grenzen wirklich liegen, welche Fragen den Entscheid klären und was gilt, wenn du schon einen Baukasten hast
Das sagt dir eine Agentur selten ins Gesicht: Für manche Firmen ist der Website-Baukasten die richtige Wahl. Wix, Squarespace und ihre Verwandten sind keine Spielzeuge, und wer das behauptet, will dir etwas verkaufen. Die Frage ist nicht, ob ein Baukasten gut genug ist - sondern ob deine Website ein Schaufenster sein soll oder ein Werkzeug.
Was ein Baukasten wirklich gut macht
Erst die Anerkennung, sie ist verdient. Ein moderner Baukasten nimmt dir alles ab, was an einer Website nach Betrieb aussieht: Hosting ist dabei, das Sicherheitszertifikat richtet sich von selbst ein, Updates passieren im Hintergrund. Die Vorlagen sind gestalterisch ordentlich, oft besser als das, was kleine Firmen vor fünfzehn Jahren von der Dorfagentur bekamen. Und die Grundlagen der Auffindbarkeit - saubere Seitentitel, ein Verzeichnis für Suchmaschinen, auf Wunsch sogar mehrsprachige Verknüpfungen - setzt das System automatisch.
Entsprechend verbreitet sind sie: Allein Wix läuft auf gut vier Prozent aller Websites weltweit. Das ist kein Nischenwerkzeug, das ist Infrastruktur.
Wenn deine Website vor allem existieren soll - wer wir sind, was wir machen, wie man uns erreicht, ein paar gute Bilder - dann bekommst du das im Baukasten schnell und ohne Abhängigkeit von einem Dienstleister. Das ist für eine ganze Reihe von Firmen die richtige Antwort, und sie sollen sie hören.
Die Frage ist nicht Qualität, sondern Arbeit
Der Unterschied zeigt sich dort, wo die Website nicht mehr nur dasteht, sondern arbeitet.
Arbeiten heisst: Sie soll gefunden werden, wenn jemand in deiner Region nach deiner Leistung sucht - gegen Mitbewerber, die dasselbe wollen. Sie soll Besucher in Anfragen verwandeln, nicht nur informieren. Sie soll mit deinen Abläufen reden: Eine Anfrage soll dort ankommen, wo sie bearbeitet wird, eine Reservation soll den Kalender kennen, ein Kundenbereich soll wissen, wer eingeloggt ist. Und sie soll wachsen können, ohne dass man sie dafür neu baut.
Für das Schaufenster ist der Baukasten gemacht. Für die Arbeit beginnt er zu klemmen - er muss für Millionen von Websites gleichzeitig funktionieren und kann deshalb nur anbieten, was sich für Millionen standardisieren lässt.
Wo die Grenzen wirklich liegen
Drei Grenzen sind dokumentiert und bleiben auch dann bestehen, wenn du das teuerste Abo wählst.
Die Wohnung gehört dir nicht. Eine Baukasten-Website läuft auf den Servern des Anbieters und nur dort - umziehen kannst du sie nicht. Wechselst du eines Tages, nimmst du Texte und Bilder mit, aber die Website selbst - Design, Aufbau, alles, was du über Jahre eingerichtet hast - bleibt zurück und wird neu gebaut. Beim Blog ist selbst die Mitnahme der Inhalte eingeschränkt. Das ist kein Skandal, es steht in den Hilfe-Artikeln der Anbieter. Aber es gehört in den Entscheid: Du mietest nicht nur, du mietest ohne Zügelrecht.
Mehrsprachigkeit hat einen Haken. Übersetzen können die Baukästen längst, und vieles daran ist gut gelöst. Die Feinheiten hingegen nicht: Die Adressen der Unterseiten bleiben in einer Sprache - deine französische Angebotsseite heisst weiterhin /angebot, was weder für Besucher noch für die Suche in der Romandie ideal ist. Gerade in der Schweiz, wo eine zweite Sprache oft der halbe Markt ist, verdient dieser Punkt einen genauen Blick.
Massanfertigung endet am Sortiment. Was der App-Markt des Anbieters hergibt, bekommst du - was nicht, bekommst du nicht, denn Zugriff auf den Code und den Server gibt es prinzipbedingt keinen. Ob der Baukasten heute reicht, ist darum die falsche Frage. Die richtige: Reicht er auch für das, was du in drei Jahren vorhast?
Und weil die Frage sonst offen bleibt: Ja, es gibt einen Mittelweg, er heisst meistens WordPress. Offene Systeme dieser Art kannst du im Gegensatz zum Baukasten mitnehmen - die Website gehört dir, sie läuft bei jedem Anbieter. Dafür wandert eine Pflicht zu dir zurück, die der Baukasten unsichtbar erledigt hat: Updates, Sicherheit, Wartung. Veraltete Erweiterungen sind einer der häufigsten Gründe, warum Firmen-Websites gehackt werden - der Mittelweg ist also keiner, wenn niemand die Pflege übernimmt. Als Faustregel: offene Systeme mit einem Partner, der die Wartung verbindlich trägt, oder gar nicht.
Der Fairness halber: Auch die andere Seite hat Haken
Ein ehrlicher Vergleich schaut in beide Richtungen. Eine individuell gebaute Website hat ihre eigenen Risiken, und sie heissen Abhängigkeit und Qualität.
Abhängigkeit: Wenn nur dein Dienstleister die Website versteht, hast du den Baukasten-Lock-in gegen einen Agentur-Lock-in getauscht - das ist kein Fortschritt. Verlang deshalb, dass dir gehört, was du bezahlst: der Code, die Domain, die Zugänge, die Inhalte. Und dass Alltägliches - ein Text, ein Bild, eine neue Stelle - im Redaktionssystem liegt, wo du es selbst änderst, ohne Ticket und ohne Rechnung. Eine gut gebaute Website macht dich unabhängiger als ein Baukasten, nicht abhängiger. Eine schlecht gebaute macht das Gegenteil.
Qualität: «Individuell gebaut» ist keine Qualitätsgarantie, genauso wenig wie «Baukasten» ein Makel ist. Es gibt handwerklich schlechte Massarbeit, und du erkennst sie als Laie nicht am Aussehen. Was du erkennen kannst: ob jemand deine Fragen ernst nimmt, ob er dir Referenzen zeigt, die du selbst besuchen kannst, und ob er dir auch einmal vom Auftrag abrät. Wer dir in jedem Fall die grosse Lösung verkauft, hat die falsche Antwort schon parat, bevor er deine Frage kennt.
Der Selbsttest mit vier Fragen
Für diesen Entscheid reicht eine ruhige Viertelstunde. Vier Fragen:
Soll die Website aktiv neue Kunden bringen - über das Bestätigen von Kunden hinaus, die dich schon kennen? Brauchst du sie in mehr als einer Sprache - richtig, nicht als Beigabe? Soll sie mit anderen Systemen zusammenarbeiten, jetzt oder absehbar - Reservationen, Kundenlogin, Schnittstellen zu deiner Software? Und: Willst du das, was du aufbaust, eines Tages mitnehmen können?
Viermal Nein: Nimm den Baukasten, mit unserem Segen, und investiere die Differenz in gute Fotos - die bringen dir dort mehr als jede Technik. Ein- oder zweimal Ja: Jetzt wird es ein Abwägen, und genau hier lohnt sich ein Gespräch mehr als jede Tabelle. Drei- oder viermal Ja: Dann ist die Website ein Werkzeug deines Geschäfts, und Werkzeuge lässt man bauen.
Wenn du schon einen Baukasten hast
Vielleicht liest du das und hast längst eine Wix-Site. Dann zuerst: kein Grund zur Unruhe. Wenn sie ihren Job macht, macht sie ihren Job - niemand muss wechseln, weil ein Artikel es nahelegt.
Wächst deine Firma aber aus ihr heraus, dann plane den Wechsel als das, was er ist: ein Neubau mit Umzug. Die Inhalte kommen mit, das Gebäude nicht - und damit unterwegs keine Sichtbarkeit verloren geht, will der Umzug sauber vorbereitet sein. Wie das geht, haben wir separat aufgeschrieben.
Deep DiveWebsite-Relaunch, ohne bei Google zu verschwinden - der Umzugsplan im Detail
Der beste Zeitpunkt für diese Planung ist übrigens, bevor es dringend wird. Ein Umzug unter Zeitdruck ist die teuerste Variante - beim Zügeln wie bei Websites.
